Macht ein gesunder Darm glücklich? Serotonin, Darm-Hirn-Achse und was wirklich stimmt
Serotonin im Darm ist eines der meistzitierten Argumente der Darmgesundheit: 90 Prozent des Glückshormons entstehen dort, also macht ein gesunder Darm glücklich. Julia Gruber hat diesen Zusammenhang selbst jahrelang so erklärt. Dann ist sie auf einen Instagram-Post gestossen, der die Aussage auseinandergenommen hat. Und der Post hatte in einem entscheidenden Punkt recht. Was danach übrig bleibt, ist keine Enttäuschung, sondern eine deutlich interessantere Geschichte über die Darm-Hirn-Achse.
Darum geht es in dieser Folge
• Was an der Zahl von 90 Prozent stimmt und was daraus nicht folgt
• Warum dein Gehirn sein Serotonin selbst herstellen muss
• Sechs Aufgaben, die Serotonin in deinem Darm übernimmt
• Fünf Wege, über die Darm und Gehirn miteinander kommunizieren
• Warum ein Botenstoff nicht ins Gehirn gelangen muss, um dort etwas auszulösen
• Wo die Grenze zwischen plausibel und überzogen verläuft
Stimmt das mit den 90 Prozent überhaupt?
Im Wesentlichen ja. Rund 90 bis 95 Prozent des körpereigenen Serotonins befinden sich ausserhalb des zentralen Nervensystems. Der grösste Teil entsteht im Verdauungstrakt, gebildet von enterochromaffinen Zellen in der Darmschleimhaut. Diese Zellen nehmen wahr, was in ihrer Umgebung passiert.
Wie klein diese Zellgruppe ist, macht die Zahl erst eindrücklich. Die Arbeitsgruppe um David Julius an der University of California San Francisco hat 2017 in Cell beschrieben, dass enterochromaffine Zellen nur etwa ein Prozent der Darmschleimhaut ausmachen und trotzdem rund 90 Prozent des Körperserotonins produzieren. Ein Prozent der Zellen, 90 Prozent des Botenstoffs.
Und jetzt kommt der Punkt, an dem die bekannte Rechnung kippt. Serotonin überwindet die Blut-Hirn-Schranke praktisch nicht. Dein Gehirn stellt sein eigenes Serotonin her, aus der essentiellen Aminosäure Tryptophan, die im Gegensatz zu Serotonin ins Gehirn gelangt.
Mehr Serotonin im Darm bedeutet also nicht automatisch mehr Serotonin im Gehirn. Die Aussage, 90 Prozent des Glückshormons entstünden im Darm und darum mache ein gesunder Darm glücklich, ist damit wissenschaftlich zu stark vereinfacht.
Schon der Begriff Glückshormon führt in die Irre. Serotonin hat sehr viele Funktionen, und die zeigen sich am deutlichsten dort, wo der grösste Teil davon sitzt.
Warum produziert dein Darm so viel Serotonin?
Wenn dein Körper solche Mengen bildet, hat das einen Grund. Serotonin ist im Verdauungstrakt ein zentraler lokaler Signalstoff.
Serotonin ist an der Darmbewegung beteiligt
Wenn Darminhalt die Darmwand stimuliert, setzen enterochromaffine Zellen Serotonin frei. Das aktiviert Nervenzellen des enterischen Nervensystems, und es werden Reflexe ausgelöst, die den Darminhalt weitertransportieren.
Hier lohnt eine Präzisierung, die oft unterschlagen wird. Die Arbeitsgruppen um Damien Keating und Nick Spencer haben gezeigt, dass die Darmmotilität von darmeigenem Serotonin reguliert wird, aber auch ohne dieses aufrechterhalten werden kann. Serotonin moduliert die Peristaltik. Es ist nicht der einzige Schalter.
Serotonin beeinflusst Flüssigkeit und Elektrolyte
Serotonin wirkt auf die Sekretion im Darm, also darauf, wie viel Flüssigkeit und wie viele Elektrolyte abgegeben werden. Damit spielt es eine Rolle für die Beschaffenheit deines Stuhls. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, merkst du das an deiner Verdauung.
Serotonin ist Teil deines Schutzsystems
Diese Funktion verbindet kaum jemand mit einem Glückshormon: Serotonin löst Übelkeit und Erbrechen aus. Reizen Giftstoffe oder Krankheitserreger den Darm, wird sehr viel Serotonin freigesetzt. Es aktiviert sensorische Nerven, die Information erreicht den Hirnstamm, und das Brechzentrum reagiert. Ein uralter Schutzmechanismus, der sagt: Das muss hier raus.
Serotonin verbindet Darm und Nervensystem
Serotonin aktiviert sensorische Nervenendigungen in der Darmwand und gibt so Informationen über das Geschehen im Darm ans Nervensystem weiter. Damit sind wir mitten in der Darm-Hirn-Achse.
Serotonin wirkt auf das Immunsystem
Verschiedene Immunzellen tragen Serotoninrezeptoren. Serotonin ist deshalb an der Regulation von Immun- und Entzündungsreaktionen beteiligt.
Serotonin spielt bei Blutgefässen und Blutgerinnung mit
Serotonin aus dem Darm gelangt ins Blut, wird dort zum grossen Teil von Blutplättchen aufgenommen und gespeichert. Blutplättchen produzieren kein eigenes Serotonin, sie nehmen es auf. Werden sie aktiviert, geben sie es wieder frei und beeinflussen unter anderem Gefässfunktionen und Prozesse rund um die Blutgerinnung.
Wie Darm und Gehirn wirklich miteinander sprechen
Warum berichten dann so viele Menschen, dass sich ihr psychisches Befinden verändert, wenn ihre Darmgesundheit besser wird? Weil Darm und Gehirn nicht über einen Weg kommunizieren, sondern über mehrere gleichzeitig.
Weg 1: Der Tryptophan- und Kynureninstoffwechsel
Tryptophan ist die Ausgangssubstanz für die Serotoninsynthese und passiert die Blut-Hirn-Schranke. Nur verwendet dein Körper Tryptophan zum allergrössten Teil gar nicht dafür.
Rund 95 Prozent des Nahrungstryptophans werden über den Kynureninweg abgebaut, davon etwa 90 Prozent in der Leber. Nur ein bis fünf Prozent gehen in den Weg, der Serotonin und Melatonin bildet. Und genau dieses Verhältnis verschiebt sich bei Immunaktivierung: Das Enzym IDO wird durch Interferon gamma und andere Zytokine hochreguliert, der Abbau ausserhalb der Leber nimmt zu.
Dazu kommt eine zweite Engstelle. Etwa 75 bis 95 Prozent des zirkulierenden Tryptophans sind an Albumin gebunden, und nur freies Tryptophan gelangt ins Gehirn. Dort konkurriert es zusätzlich mit anderen grossen neutralen Aminosäuren um denselben Transporter. Mehr Tryptophan essen führt also nicht linear zu mehr Serotonin im Kopf.
Dein Darm kann die Serotoninversorgung im Gehirn beeinflussen, ohne dass ein einziges Serotoninmolekül dorthin wandert.
Weg 2: Immunsystem und Entzündungsbotenstoffe
Darmbarriere, Mikrobiom und Immunsystem stehen in engem Austausch. Verändert sich die Zusammensetzung des Mikrobioms oder ist die Barriere beeinträchtigt, hängt das mit veränderter Immunaktivität zusammen, und es entstehen Entzündungsbotenstoffe.
Diese Signale bleiben nicht auf den Darm beschränkt. In der Forschung werden Entzündungsprozesse mit Veränderungen bei Müdigkeit, Antrieb, Schlaf, Konzentration und Stimmung in Verbindung gebracht. Daraus folgt nicht, dass eine Entzündung im Darm Depressionen verursacht. Es zeigt, dass das Immunsystem ein realer Kommunikationsweg zwischen Darm und Gehirn ist.
Weg 3: Deine Darmbakterien als Stoffwechselorgan
Deine Darmbakterien verstoffwechseln laufend das, was du isst, und bilden daraus eine grosse Zahl von Substanzen: kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, Indole aus dem Tryptophanstoffwechsel, veränderte Gallensäuren und viele weitere Metaboliten.
Wie direkt das eingreift, zeigt Butyrat. Es unterdrückt die Kynureninbildung im Darm, indem es die IDO-Expression herunterreguliert. Damit hast du eine durchgehende Kette: Ballaststoff, Bakterium, Butyrat, Tryptophanverfügbarkeit. Ohne dass irgendetwas ins Gehirn wandern muss.
Weg 4: Der Vagusnerv und die Klingel an deiner Haustür
Hier liegt der Denkfehler, der die ganze Diskussion so oft in die falsche Richtung schickt. Man nimmt an, ein Molekül müsse ins Gehirn gelangen, um dort etwas auszulösen. Das stimmt nicht.
Eine enterochromaffine Zelle schüttet Serotonin aus. Das Serotonin bleibt lokal im Darm, bindet an einen Rezeptor auf einer sensorischen Nervenzelle, die Zelle wird aktiviert, und ab da läuft ein elektrisches Nervensignal weiter. Über vagale und andere sensorische Bahnen erreicht die Information den Hirnstamm.
Weg 5: Die naheliegendste Erklärung
Bei all der Biochemie geht das Offensichtliche gerne vergessen. Stell dir vor, du hast jeden Tag einen aufgeblähten Bauch. Du weisst morgens nicht, ob du dreimal Durchfall hast oder drei Tage gar nicht auf die Toilette kannst. Du verträgst bestimmte Lebensmittel nicht. Du schläfst schlecht. Du gehst ungern essen, weil du Angst vor den Beschwerden danach hast. Du bist ständig müde.
Und dann verbessert sich das. Der Bauch tut weniger weh, die Verdauung wird regelmässiger, du schläfst besser, traust dich wieder an Essen heran, gehst wieder aus, bewegst dich mehr, hast mehr Energie.
Dass sich dabei auch dein psychisches Befinden verändert, braucht keinen komplizierten mikrobiellen Mechanismus. Bei den meisten Menschen wirken ohnehin mehrere dieser Faktoren zusammen.
Was heisst das jetzt für den Satz vom glücklichen Darm?
Die Schlussfolgerung, 90 Prozent Serotonin im Darm bedeuteten mehr Glück, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Bei Serotonin ist mehr auch keineswegs besser: Starke serotonerge Aktivierung im Darm führt zu Übelkeit, verstärkter Sekretion oder veränderter Darmbewegung. Es geht um Regulation und Signalgebung, nicht um Menge.
Der Umkehrschluss trägt allerdings genauso wenig. Dass Darmserotonin die Blut-Hirn-Schranke nicht überwindet, macht serotonerge Vorgänge im Darm für das Gehirn nicht irrelevant. Mikrobielle Stoffwechselprodukte beeinflussen enterochromaffine Zellen, diese verändern die Serotoninsignalgebung im Darm, die wiederum auf sensorische Nerven und das enterische Nervensystem wirkt, und darüber gelangen Signale Richtung Gehirn.
Was daraus nicht folgt: dass eine Darmsanierung eine Depression oder eine Angststörung behandelt. Psychische Erkrankungen sind komplex und haben viele Ursachen. Der Begriff Darmsanierung ist wissenschaftlich ohnehin unpräzise.
Was daraus folgt: Der Zustand deines Darms, deine Ernährung, dein Mikrobiom, dein Immunsystem und dein Nervensystem stehen in einem komplexen Austausch mit deinem Gehirn. Dass Veränderungen der Darmgesundheit mit Veränderungen des psychischen Befindens zusammenhängen, ist biologisch gut begründbar.
Häufige Fragen
Werden wirklich 90 Prozent des Serotonins im Darm produziert?
Rund 90 bis 95 Prozent des körpereigenen Serotonins befinden sich ausserhalb des zentralen Nervensystems, der grösste Teil davon im Verdauungstrakt. Gebildet wird es von enterochromaffinen Zellen in der Darmschleimhaut, die nur etwa ein Prozent der Schleimhautzellen ausmachen. Die Zahl stimmt also. Die Schlussfolgerung, die daraus meist gezogen wird, stimmt nicht.
Gelangt Serotonin aus dem Darm ins Gehirn?
Nein. Serotonin überwindet die Blut-Hirn-Schranke praktisch nicht. Das Gehirn stellt sein Serotonin selbst her, aus der Aminosäure Tryptophan, die im Gegensatz zu Serotonin ins Gehirn gelangt. Darmserotonin und Hirnserotonin sind weitgehend getrennte Systeme. Trotzdem kann Darmserotonin über Nervenbahnen Reaktionen im Gehirn auslösen.
Kann ein gesunder Darm die Stimmung verbessern?
Ein Zusammenhang zwischen Darmgesundheit und psychischem Befinden ist biologisch gut begründbar, über Tryptophanstoffwechsel, Immunsignale, mikrobielle Stoffwechselprodukte und den Vagusnerv. Dazu kommt der naheliegende Effekt: Wer weniger Beschwerden hat, besser schläft und wieder unbeschwert isst, fühlt sich anders. Eine Behandlung psychischer Erkrankungen ist das nicht.
Was ist die Darm-Hirn-Achse?
Die Darm-Hirn-Achse bezeichnet die ständige Kommunikation zwischen Verdauungssystem und Gehirn. Sie läuft über mehrere Kanäle gleichzeitig: den Tryptophan- und Kynureninstoffwechsel, Immun- und Entzündungsbotenstoffe, Stoffwechselprodukte der Darmbakterien, das enterische Nervensystem und den Vagusnerv. Die Forschung versteht heute erst einen Teil dieser Wege.
Links zur Folge
21-Tage-Detox- und Intervallfastenprogramm, nächste Live-Gruppe ab 19. September
Mikrobiomanalyse mit Audiobesprechung
Haftungshinweis
Die Inhalte dieser Folge dienen der Information und ersetzen keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden Beschwerden, bei psychischen Belastungen oder vor Änderungen an einer bestehenden Therapie wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.
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